Rückblick 4. Jahrestagung 2010

Erstmals im Wirtschaftsraum Leipzig-Halle trafen sich am 24. und 25. Juni 2010 knapp 40 an System Dynamics Interessierte zur 4. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für System Dynamics e.V. Das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig war dieses Jahr Gastgeber der Jahrestagung, die in den Räumlichkeiten des Leipziger Kubus’ stattfand.

Wie in den vergangenen Jahren bot die Jahrestagung den Teilnehmenden die Möglichkeit, sich in entspannter Atmosphäre über ihre Arbeit mit System Dynamics auszutauschen, dabei unterschiedliche Blickwinkel und Perspektiven kennenzulernen, miteinander zu vergleichen sowie Ideen und Wissen auszutauschen und Kontakte zu knüpfen.

Schwerpunktthema war dieses Jahr die Klima- und Umweltproblematik. Am Donnerstagnachmittag moderierten Hans Kasperidus und Prof. Erling Moxnes computerbasierte Fischereispiele, mit dem das Schwerpunktthema gleich am ersten Tag inhaltlich aufgegriffen wurde. Bei den computerbasierten Spielen lernten die sechs Spieler in zwei Gruppen den effiziente und umsichte Umgang natürlicher, regenerativer Ressourcen am Beispiel des Fischfangs. Hans Kasperidus und Prof. Erling Moxnes hatten unterschiedliche Spiele mitgebracht, deren Vorgehensweise den Spielanleitungen entnommen werden können. Alternativ dazu konnten sich Teilnehmende zu ihren mitgebrachten Modellierungsthemen im Modellierungsworkshop austauschen. Dieser inzwischen feste Bestandteil der Jahrestagung erfreute sich wieder großer Beliebtheit: Die ca. 15 Teilnehmer brachten insgesamt 5 Themenstellungen mit. Es entstand ein inspirierender und bereichernder Austausch: Die Teilnehmer konnten die verschiedenen Fragestellungen „besuchen“, ihr Wissen zusammenführen und im Dialog gemeinsam neue Einsichten entwickeln. Folgende interessante Themen wurden besprochen:

Risikomanagement

  • Modell zur Investitionsentscheidung beim Aufbau eines Tankstellenetzes
  • Review eines Modells zur Stakeholder-Zufriedenheit
  • Modellierung von kombiniertem Schiene-Straße-Verkehr

Der Abend klang bei sommerlich warmen Temperaturen in der Alten Nicolaischule mit anregenden Gesprächen über System Dynamics, WM oder sonstige interessante Themen aus.

Für den 2. Tag der Jahrestagung konnten wir Prof. Dr. Erling Moxnes vom Department of Geography an der University of Bergen in Norwegen für den Eröffnungsvortrag gewinnen. Er referierte über „Misperception of dynamic systems and implications for teaching and research“. Im Mittelpunkt seines Vortrags stand die Problematik der Fehlwahrnehmung schon einfacher und komplexerer dynamischer Systeme mit kurzen und längeren Zeitverzögerungen. Er führte durch die Präsentation anhand Beispiele natürlicher Ressourcen wie der CO2-Akkumulation in der Erdatmosphäre und der Weidewirtschaft von Rentieren (insbesondere den Zusammenhang zwischen der Flechtenwachstum und Rentieren). Er ging dabei besonders auf mögliche Misinterpretationen von Korrelationen zwischen Variablen ein.

Ein weiterer Höhepunkt des Vormittags war die Verleihung des dritten ausgeschriebenen Gert-von-Kortzfleisch-Preises für wissenschaftlich herausragende System-Dynamics-Arbeiten. Ausgezeichnet wurde Frau Dr. Birgitte Snabe für ihre Arbeit „The Usage of System Dynamics in Organizational Interventions“.

Die ausgezeichnete Dissertation ist im Jahr 2007 im Verlag Gabler erschienen und kann über den Buchhandel bezogen werden.

Leider konnte Birgitte Snabe nicht anwesend sein – sie bedankte sich dafür  per Videobotschaft für den Preis und versprach, bei der Jahrestagung im kommenden Jahr ihre Arbeit vorzustellen.

Neben der Klima- und Umweltforschung lag dieses Jahr ein weiterer Themenfokus auf der Szenarioanalyse mit System Dynamics. Alexander Voigt von PA Consulting Group referierte über die Nutzung von Daten bei der Modellierung. Er beschrieb die Vorgehensweise von PA bei der qualitativen und quantitativen Datenanalyse für eine Untersuchung von Struktur und Dynamik des Immobilienmarkts einer europäischen Großstadt. Daten waren notwendig, um die Modellstruktur zu erstellen, eine sinnvolle Systemgrenze zu ziehen und die Modellstruktur in einem iterativen Prozess von Datenanalyse und -aufbereitung und Interviews zu verbessern. Daten haben auch dazu geführt, verzerrte Vorstellungen in den mentalen Modellen der Beteiligten aufdecken („bias problem“). Mit der Modellkalibrierung konnten Hypothesen getestet, validiert oder falsifiziert werden. Alexander Voigt betonte, dass auf der anderen Seite Daten auch unvollständig seien, weshalb in einer Modellanalyse behutsam mit ihnen umgegangen werden müsse.

Alexander Zock vom ECAD European Center for Aviation Development erläuterte den Nutzen einer quantitativen Szenarioplanung bei der Personalkapazitätsplanung für Spezialisten wie bspw. Piloten oder Fluglotsen. Alexander Zock betonte den hohen Nutzen der System-Dynamics-basierten Szenarioplanung, die u.a. eine schnelle und flexible Durchführung quantitativer Szenarioanalysen ermöglicht. Großer Mehrwert ergebe sich auch bei den am Modellierungsprozess Beteiligten in der Etablierung einer systemischen Sichtweise und Konsolidierung des

strukturellen und dynamischen Verständnisses des Personalplanungsprozesses und in dem erweiterten Risikomanagement durch Ableitung von transparenten

Risikokorridoren. Letzendlich biete das Modell den Beteiligten eine gemeinsame Lernplattform.

Nach dem Mittagessen stießen Florian Kapmeier und Kai Neumann ihre „Initiative für vernetztes Denken an Schulen“ an. Bisherige Zielgruppe der DGSD seien vornehmlich Mitarbeitende und Studierende an Hochschulen und Nutzer von SD in Unternehmen. Die DGSD bietet ab Juni 2010 eine Plattform für den gemeinsamen Austausch zur Verbreitung von vernetztem Denken an Kindergärten und Schulen.

Anschließend sprach Conny Dethloff, IBM Deutschland, über den Nutzen eines „kybernetischen systemischen Change Managements“. Fokus seiner Ausführungen lag in der Unterscheidung zwischen reduktionistischem und kybernetischem Change

Management und das Kennenlernen der Möglichkeiten des Einsatzes von System Dynamics zum Simulieren von Change Management Aktivitäten.

Dr. Heiko Spitzer von intellgenio GmbH referierte über seine Erfahrungen von „Strategischem Asset Management auf Basis Dynamischer Simulation“. Mit seinen Kollegen hat er ein quantitatives SD-Modell für die Energiebranche entwickelt, mit dem sich Entscheidungen im „Asset Management“ im Gas- und Strommarkt simulieren lassen. Ein Schwerpunkt seiner Ausführungen lag in der automatischen Optimierung und einer Live-Demonstration des Simulators.

Dr. Lars Weber von der FOM Hochschule für Ökonomie & Management in Leipzig bildete den Abschluss des Themenblocks zu Szenarioanalyse. Er referierte über die in seiner Dissertation erarbeiteten Simulationen zum demographischen Wandel in der neuen Wachstumstheorie. Professor Milling lobte die Ausführungen als gutes Beispiel für die Nutzung von SD zur Theoriebildung.

Die Jahrestagung wurde von einem weiteren Klima- und Umweltthema abgeschlossen. Dr. Wolfgang Schade vom Fraunhofer ISI in Karlsruhe berichtete über die Aktivitäten seiner Gruppe bei der Klimapolitikberatung. Das ISI hat vor mehr als zehn Jahren begonnen, ein sehr umfangreiches System-Dynamics-Modell zur Modellierung von Verkehrsströmen in Europa mit dem Namen ASTRA zu entwickeln. Seither wird es verfeinert und um aktuelle Trends und Daten ergänzt. Es dient als Dateninputgeber von Verkehrsströmen zu mehreren großen Forschungsprojekten der Bundesregierung zur Klima- und Umweltforschung. Unter anderem wird es erfolgreich für die Prognose von CO2-Emissionen in den kommenden Jahrzehnten herangezogen.

Wir danken allen Beteiligten an dieser Stelle nochmals für Ihre Diskussionsbeiträge und ihre aktive Beteiligung am Gelingen der 4. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für System Dynamics und den Gastgebern, dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung und der FOM Hochschule für Ökonomie & Management in Leipzig für die tolle Organisation vor Ort. Wir freuen uns schon auf den nächsten Workshop, der für Mai/Juni 2011 geplant ist.